Die Kirche als Gebäude und ihre Geschichte




Pforzheim/Karlsruhe (epd). Ein Zeichen der Hoffnung: Inmitten einer Trümmerwüste begannen die Pforzheimer im Mai 1946 mit dem Bau einer neuen Kirche. Es war der erste evangelische Kirchbau im Nachkriegsdeutschland. Noch kurz vor Kriegsende, am 23. Februar 1945, war die Stadt innerhalb weniger Minuten völlig zerstört worden - auch die Kirchen waren in Schutt und Asche gefallen.

Das neue Gotteshaus auf dem Weiherberg wurde nach den Plänen von Otto Bartning (1883-1959) erstellt, der heute als bedeutendster protestantischer Kirchenarchitekt des 20. Jahrhunderts in Deutschland gilt. Der Karlsruher hatte für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) nach dem Zweiten Weltkrieg ein Kirchenbauprogramm entworfen: Die "Notkirchen" wurden schnell und kostengünstig in Elementbauweise erstellt und boten Platz für 350 bis 500 Menschen. Als erste Notkirche wurde die Pforzheimer Auferstehungskirche vor 65 Jahren eingeweiht, am 26. Oktober 1948.

Bartning entwickelte als Tragwerk eine zeltförmige Holzkonstruktion, die vorgefertigt angeliefert wurde. Auch Emporen, Türen, Fenster und Bänke entstanden in Serie. Die Mittel für den Bau der Kirchen in den vier Besatzungszonen wurden vor allem vom Lutherischen Weltbund gespendet. Der Pforzheimer Bau diente dabei als Musterexemplar einer solchen Montage-Kirche.

Die Kirchengemeinde fügte in Eigenleistung die Wände hinzu: Mauern aus ganz unterschiedlichen Trümmersteinen - die ganz bewusst unverputzt blieben, um ihre Herkunft zu zeigen. Bis heute sind an manchen Stellen noch schwarze Rauchspuren zu erkennen. Männer und Frauen, ja sogar die Konfirmanden, halfen mit: 30.000 Steine gruben sie aus, säuberten sie und zogen sie auf Handwagen mühsam den Berg hinauf zum Bauplatz.

Daher verwundert es nicht, dass die Menschen bis heute eine besondere Nähe zu ihrer Kirche verspüren. Schließlich haben sie oder ihre Vorfahren sie mit eigenen Händen mit aufgebaut. Gemeindepfarrerin Dorothea Patberg gefällt die besondere Atmosphäre des Gebäudes: Es strahlt Geborgenheit aus und bietet den Menschen Zuflucht und Heimat, wie sie sagt.

Der Innenraum aus dunklem Holz, Backsteinen und Glasfenstern wirkt auch heute noch wohnlich und intim. Turm und Schiff nehmen das von Bartning geprägte Bild vom "Zelt in der Wüste" auf. Mit dem Bau wollte er einen Neuanfang in Bescheidenheit demonstrieren. Den Menschen sollte in der Nachkriegszeit Orientierung und Geborgenheit vermittelt werden, ohne historische Anleihen.

Mittelpunkt des schlichten Pforzheimer Kirchenschiffs ist das wertvolle Kruzifix, das um 1445 entstanden ist. Das hölzerne Christusbild stand einst im mittelalterlichen Dominikanerkloster. Es gilt als wichtiges Hoffnungszeichnen, weil es vier Brandkatastrophen überdauert hat, wie Patberg erzählt. In der Urkunde der Grundsteinlegung wird die Kirche als "Denkmal von Gottes Treue in schwerster Notzeit unseres Volkes" beschrieben.

Architekt Bartning sagte bei der Einweihung: "Wir wissen, dass Notkirche nicht notdürftiger Behelf, sondern neue und gültige Gestalt der Kraft der Not bedeutet." Dabei gelte: "Standfest und sparsam bauen, weder überheblich noch mutlos, weder althergebracht noch geistreich, sondern einfach und ehrlich".

Anfangs waren die Kirchenfenster noch aus einfachem Glas. Erst 1966 beauftragte die Kirchengemeinde den Karlsruher Künstler Klaus Arnold damit, Buntglasfenster zu entwerfen. Sie zeigen in abstrakter Form die Dreieinigkeit mit Hilfe der Farben blau, rot und grün.

Mehr als 40 der standardisierten Kirchen wurden zwischen 1948 und 1950 gebaut. In den zu Notzeiten, aber nie als Provisorium errichteten Gebäuden werden auch heute noch Gottesdienste gefeiert - ob in Stralsund, Hamburg, Berlin, München oder Pforzheim.

Die Kirchen seien "herausragende Bauzeugnisse der Architekturgeschichte" und bildeten ein "einzigartiges sakrales und kulturhistorisches Flächendenkmal", ist die Otto-Bartning-Arbeitsgemeinschaft Kirchenbau mit Sitz in Berlin überzeugt. Sie fordert, die erhaltenen 41 Bartning'schen Notkirchen nebst Gemeindezentren und Kapellen in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufzunehmen.

Bartning, dessen Großvater ein evangelischer Landesbischof war, beschäftigte sich schon früh mit theologischen Fragen. Er war gegen jede Art von Protzigkeit bei den Gebäuden. Auch die zweitälteste Notkirche, die Heilbronner Wichernkirche, passt in dieses Bild: Bis heute hat sie keinen Kirchturm.

Quelle: EKD  © 1996-2015 Evangelische Kirche in Deutschland
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